Gang- und Balancestörungen

Die Kunst des aufrechten Ganges
Die Fähigkeit des Menschen, sich aufrecht und sicher auf zwei Beinen fortzubewegen ist etwas Einzigartiges. Nur wenn der gesamte Bewegungsapparat, die Organe des Gleichgewichtssinns sowie sämtliche zentrale und periphere Steuerungsmechanismen perfekt zusammenarbeiten, ist ein sicherer, aufrechter Gang möglich.

Dabei braucht der Mensch nicht nur erheblich viel Zeit dies zu erlernen, er muss auch ein Leben lang in Übung bleiben um die Fähigkeit nicht zu verlieren, seinen Körper situationsgerecht zu balancieren.

Warum stürzen ältere Menschen
Im Alter nehmen Muskelkraft und Sinnesleistungen ab. Krankheiten des Bewegungsapparates, des Nervensystems und der Herz-Kreislauforgane nehmen zu. So findet sich bei älteren Menschen oft eine Fülle von Leiden, die das sensible System von Gang und Balance auf mehreren Ebenen stören.

Dazu kommt der Mangel an Training. Viele älter werdende Menschen bewegen sich über Jahre hinweg nur noch in sehr reduzierten und immer gleichen Mustern. Verlieren sie dann einmal die Balance, kann ein Ausfallschritt zum Abfangen des Gewichtes nicht schnell und kräftig genug erfolgen. Dies unter Anderem, da solch eine Bewegung über Jahre nicht gemacht wurde. Stürze mit Knochenbrüchen oder Schädel-Hirnverletzungen sind leider nicht selten die Folge.

Stürze treten ferner häufig auf, wenn bei bestehenden Balancestörungen eine zusätzliche Herausforderung gemeistert werden muss: Zum Telefon eilen, plötzlicher Harndrang, nächtliches Aufstehen, eine akute Infektion, eine unerwartete Situation beim Einkaufen oder die umgeschlagene Teppichkante, all das sind typische Situationen, die für einen gangunsicheren älteren Menschen eine hohe Sturzgefahr bedeuten.

Aufrecht und sicher durchs Leben
Es ist jedoch auch bei vielen Belastungen möglich, einen sicheren und aufrechten Gang wiederzuerlangen und bis zum Lebensende beizubehalten.
In unserem Test- und Diagnosezentrum können Störfaktoren einer sicheren Fortbewegung identifiziert und hierarchisiert werden. Aus folgenden Therapieoptionen wird dann für den Patienten ein individuelles Massnahmenpaket realisiert:

Bewegung

 

  • Jede Form der Bewegung ist besser als keine Bewegung.
  • Einzel- oder Gruppenübungen sind gleichwertig erfolgreich.
  • Jedes Übungsprogramm muss Elemente zum Training der Balance enthalten.
  • Mögliche Trainingsdimensionen sind:
    • Balance
    • Kraft
    • Flexibilität
    • Ausdauer
    • Schnelligkeit
    • Tanz
  • Beim Tanz gehen Elemente aus Rhythmik, Musik, künstlerisch-emotionalem Ausdruck sowie interpersoneller Kommunikation in das Training mit ein.
  • Ein multidimensionales Programm ist einem Eindimensionalen immer überlegen.
  • Zuletzt sollte ein Trainingsprogramm immer sog. Dual-tasking-Übungen enthalten. Ein gangunsicherer älterer Mensch braucht seine volle Konzentration um die Balance zu halten. Die klassische Sturzsituation verlangt jedoch eine stabile Balance bei abgelenkter Konzentration. Typische Dual-tasking-Aufgaben sind z.B. das Rückwärtszählen beim Laufen oder das Umhergehen mit einem vollen Glas Wasser.

 

 

Vitamin D

 

  • Für kräftige Muskeln und stabile Knochen braucht unser Körper genügend Vitamin D
  • Viele ältere Menschen haben einen Vitamin D Mangel (50% gesunder älterer Menschen und 80% älterer Menschen mit Hüftbruch haben einen Mangel)
  • Gründe Vitamin D Mangel:
    • Wenig Vitamin D Quellen aus der Ernährung – überwiegend beschränkt auf fetten Fisch (Lachse, Hering oder Sardinen).
    • Mit dem Alter nimmt die hauteigene Vitamin D Produktion bei Sonnenexposition 4-fach ab im Vergleich zu jüngeren Menschen.
    • Ältere Menschen vermeiden die direkte Sonnenexposition.
  • Mit der täglichen Einnahme von 800 Einheiten Vitamin D in Supplementform kann das Risiko einen Sturz oder einen Knochenbruch an der Hüfte zu erleiden um bis zu 30% gesenkt werden.
  • Die heutige Empfehlung des Bundesamt für Gesundheit Schweiz ist daher 800 Einheiten Vitamin D pro Tag ab dem 60-igsten Lebensjahr über Supplemente sicherzustellen. Damit kann einem Vitamin D Mangel in über 97% der Fälle vorgebeugt werden.

 

Häusliche Sicherheit
  • Viele Stürze im häuslichen Umfeld sind vermeidbar, wenn klassische Gefahrenstellen modifiziert werden.
  • Mit einzelnen, individuell angepassten Massnahmen zur häuslichen Gefahrenreduktion kann das Sturzrisiko des Einzelnen erheblich reduziert werden.
  • Folgende Massnahmen können zur Sicherheit beitragen:
    • Generell:
      • Alle Räume, Flure und Wege regelmässig von Stolperfallen befreien
      • Typische Stolperfallen sind Kleidung, Bücher, Möbel, Kabel, Blumen
      • Teppiche flach und rutschfest, Kannten niedrig und fixiert mit Doppelklebeband
    • Badezimmer:
      • Rutschfeste Matten insbesondere in und vor Bad und Dusche
      • Handgriffe für sicheren Transfer in Bad, Dusche und aufs WC
    • Schlafzimmer:
      • Helle, leicht zugängliche Bettbeleuchtung
      • Ggf. kleine Lampe zum Erleuchten des Weges zum Badezimmer
      • Ggf. mobiles WC am Bett, falls häufiges nächtliches Wasserlösen besteht
      • Gehhilfen, sicheres Schuhwerk oder zumindest rutschfeste Socken direkt am Bett
    • Treppen:
      • Rutschfeste, gut sichtbare und gut beleuchtete Stufen (Lichtschalter oben und unten)
      • Treppengeländer idealerweise beidseitig
    • Küche
      • Keine Benutzung von Leitern, keine Überkopfaufgaben
Soziales
  • Der soziale Kontakt ist eine der wichtigsten Ressourcen für die Gesundheit eines älteren Menschen.
  • Erfahrungsgemäss braucht es viel Unterstützung durch Verwandte oder Freunde um die Motivation für effektive Massnahmen zur Sturzprävention aufrechtzuerhalten.
  • Regelmässige soziale Kontakte haben meist einen extrem positiven Einfluss auf den Appetit, auf die Stimmung, sowie auf die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit.
  • Soziale Kontakte können die Lebensqualität eines älteren Menschen stark verbessern.
Weiteres
  • Sogfältige Nutzen-Risiko-Abwägung bei der Verordnung zentral-wirksamer Medikamente. Opiate, Benzodiazepine, Neuroleptika, Antidepressiva und Antiallergika können die Sturzgefahr deutlich erhöhen.
  • Visusminderungen sollten korrigiert werden. Bei jeder Korrektur des Visus besteht vorrübergehend eine erhöhte Sturzgefahr. Gleitsichtbrillen vermeiden.
  • Das Schuhwerk sollte eine stabile aber nicht zu dicke Sohle haben, sollte sehr gut passen und knöchelhoch taktiles Feedback geben. Die Schuhe sollten das Gangbild sicherer machen und müssen den Menschen unbedingt gefallen.
  • Eine Gehilfe mittels Stock oder Rollator kann in ausgesuchten Fällen die Mobilität wieder deutlich steigern und sicherer machen. Die Auswahl sollte einem Geriater oder Ihrem Hausarzt überlassen werden.
  • Gelenkprobleme müssen abgeklärt und suffizient behandelt werden
  • Jeder Bewegungsschmerz gefährdet ernsthaft die Autonomie und muss abgeklärt bzw. behandelt werden.
  • Luftnot bei Belastung, als häufige Ursache von Immobilität muss ebenfalls rasch abgeklärt und effektiv behandelt werden.
  • Fussprobleme müssen aktiv erfragt und ggf. weiter abgeklärt werden.
  • Kreislaufbeschwerden, Schwindel und Inkontinenz sind häufige Sturzursachen und müssen abgeklärt werden.
Ernährung
  • Ein wichtiger Pfeiler in der Erhaltung der Knochengesundheit Muskelkraft und damit Sturz-Prävention ist eine ausgewogene Protein- und Calciumreiche Ernährung
  • Proteine sind Bausteine unserer Knochenmatrix und unserer Muskulatur. Die heutige Empfehlung von 1g Eiweiss pro kg Körpergewicht ist jedoch für ältere Menschen nicht immer einfach zu erreichen. Wir empfehlen ein Milchprodukt zu jedem Essen – damit wird auch eine ausreichende Calcium-Zufuhr sichergestellt
  • Calcium ist ein wichtiger Baustein unserer Knochen. Die heutige Empfehlung ist 1000mg Calcium pro Tag über die Ernährung aufzunehmen. In unserem Test- und Diagnosezentrum wird die Calcium-Zufuhr erfasst und falls die Zufuhr vermindert ist, mit dem Patient ein Konzept (präferentiell über die Ernährung und ggf. teilweise mit Supplement) erarbeitet.
    Lesen Sie hierzu auch die Broschüre: In 3 Schritten zu starken Knochen